… ist Antifaschismus halal?

Wenn ein Deutscher ein Mensch ist, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben (Adorno), ist Nasir Ahmad wohl eines der gelungensten Beispiele für Integration. Anlässlich der Podiumsdiskussion „Islamismus – ist das noch Halal?“ vom 06.02.19 im Werk II in Leipzig hätte ihm eigentlich ein Ingegrationsbambi verliehen werden müssen, um ihn in einer Reihe mit anderen großen Geistern zu würdigen.
Der Etikettenschwindel, der bei dieser Diskussionsveranstaltung der Linksjugend Leipzig betrieben wurde, überstieg den, des deutschesten aller Musikpreise dennoch bei weitem. Ahmad wurde dem Publikum als liberaler Muslim und Antifaschist (sic!) vorgestellt. Daran sollte sich alles bis auf seine islamische Gesinnung als falsch herausstellen. Angesichts des postmodernen Meinungskunstwerks, das der „muslimische Blogger“ auf dem Podium zur Schau stellte, könnte man denken eine weitere Beschäftigung damit sei Zeitverschwendung. Doch der unerschrockene Verteidiger islamischer Werte legte im Internet seither immer wieder nach.[1]
Er wollte „versöhnliche Töne“ anbringen, um über „konkrete Probleme“ zu sprechen und „konkrete Lösungen“ auszuarbeiten. Leider gelang ihm auf dem Podium weder das Eine noch das Andere. Seine Meinungen konnte er erst drei Tage später formulieren. Von der Versöhnlichkeit war in seinem Auftreten in den Sozialen Medien jedoch wenig übrig.
Peinlicher als das Nachtreten in sozialen Medien ist hingegen das erneute Ausbleiben von Argumenten oder gar Belegen für seine Behauptungen. Stattdessen möchte er für den geneigten Leser lieber seine eigene Borniertheit zur Schau stellen:

Anstatt affektiv in die Tasten zu hämmern und zu versuchen andere bloßzustellen, hätte man an dieser Stelle ja eine Suchfunktion nutzen können, um sich zu informieren. Das aber hätte ihm seine Lachanfälle gründlich verdorben. Die Kooperation neurechter Gruppierungen mit islamischen Extremisten ist tatsächlich kein Hirngespinst von Martin Dornis, sondern eine besorgniserregende Tatsache.[2] Der Islam ist für Götz Kubitzschek & co. nur solange ein Problem, wie er Anhänger in Europa hat. Für das traditionelle Familienleben (inklusive eingesperrter Frauen) und die (durch Unterdrückung von Individualität zusammengehaltene) „organische“ Gesellschaft des Irans, begeistern sich nicht nur schlaugekiffte „alternative Jugendliche“, sondern auch rechte aller Coleur.[3] So erhofft sich auch Björn *Lachanfall* Höcke eine „solide Zusammenarbeit“ mit islamischen Großmächten, sobald diese in „ihren Raum“ zurückgedrängt worden sind. Dabei beruft er sich auch auf eine ähnlich solide Zusammenarbeit zwischen den Nationalsozialisten und einigen islamischen Nationalbewegungen.[4]
Gefährlich indessen ist Nasirs Aufrechnen der Opferzahlen islamischer und rechter Gewalttaten. In gut integrierter deutscher Manier rechnet er bürokratisch wie ein Steuerprüfer die Opferzahlen gegeneinander auf. Schafsinnige Ethnologiestudenten wären spätestens an dieser Stelle seines Pamphlets vom vermeintlichen Eurozentrismus getriggert. Denn in seiner Rechnung kommen islamische Staaten in denen täglich Menschen, mit Rechtfertigung des Korans und der Hadithen gefoltert und ermordet werden, schlichtweg nicht vor. Diese Länder muss er natürlich aussparen, damit er mit seiner Zahlenschieberei zum gewünschten Ergebnis kommt.
Als größte faschistische Organisation gelten in Deutschland immer noch die „Grauen Wölfe“.[5] Faschismus und Islamismus gehen nicht nur in der Türkei hier Hand in Hand. Ahmad hingegen hält beide antimodernen Weltbilder für entgegengesetzt. So twittert er: „Die Islamisierung des Landes bedeutet Entnazifizierung des Landes.“ Das meint wohl die Redensart „den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben“.

Er würde sich Beispiele dafür wünschen, dass Frauen in Deutschland vom Islam unterdrückt würden. Dieses argumentative Glanzstück sorgte aufgrund seiner Realitätsferne beim Publikum für Heiterkeit – nicht ohne einen bitteren Beigeschmack zu hinterlassen, angesichts so unverhohlener Ignoranz. Ist das noch naiv oder schon dreist? Bitter war indes auch die Reaktion der Moderation, die solche „Diskussionsbeiträge“ offensichtlich gerne als gleichberechtigte Darstellungen gewürdigt wissen wollte und sofort zur Ordnung rief. Egal, ob seine beschränkte Perspektive oder eine böswillige, verharmlosende Absicht dahinter stand, solche vermeintlich unschuldigen Fragen beweisen seine Inkompetenz. Wie ist es möglich, dass eine Person, die sich in ihrer eigenen Uninformiertheit derartig wohlfühlt wie Ahmad, auch noch als ein Experte auf einem Podium auftreten darf.
Den letzten dürfte spätestens beim Lesen von Ahmads geistigen Ergüssen auf Facebook das Lachen im Halse stecken geblieben sein. Er spricht Mina Ahadi nicht nur ab zu wissen, worüber sie auf dem Podium gesprochen hat, sondern möchte ihr auch noch seinen, den richtigen Islam erklären. Das Absprechen ihrer Erfahrungen sowie der Hinweis, „Aufklärung“ zum Thema würde ihr „gut tun“ offenbart eine ekelhafte Arroganz.
Das eine Person mit dem Tod bedroht wird, weil sie sich nicht dem islamischen Regime im Iran beugen wollte, scheint aber Ahmads Verständnis von Religionsfreiheit nicht zu wiedersprechen. Stattdessen fühlt sich der Blogger durch Kritik an strukturellen und ideologischen Ausprägungen in seiner Religionsfreiheit eingeschränkt. Dass aber in seiner Glaubensgemeinschaft, der Ahmadiyya Gemeinde, sich Mitglieder homophob äußern [6] oder Frauen separiert behandelt werden [7], scheint für Ahmad kein Problem zu sein.
Wie sollte es auch? Er scheint selbst wenig Konkretes über den Islam sagen zu können. Während er seinen Kontrahenten immer wieder erklärt, dass sie keinen blassen Dunst davon hätten, was der Islam sei, verweist der Koranexperte lieber auf Youtube-Videos, um seine Ansichten zum Thema darzustellen. Seine eigene Unwissenheit machte er erneut deutlich, als er auf die Kritik Martin Dornis reagierte, welcher erläuterte, dass der Islam in seiner Entstehungszeit bereits als eine politisch-imperialistisch angelegte Ideologie fungierte. Nasir Ahmad konterte in bestem Relativismus mit den Kreuzzügen um einem „die anderen aber auch“ habhaft zu werden. Sein verzweifeltes „tu quoque“ soll suggerieren das die Grundlage aller Religionen der Aufruf zu Verfolgung und Gewalt an Ungläubigen war.
Was Nasir von den Kreuzzügen zu berichten weiß, widerlegt seine sonstige Argumentation. Immer wieder weist er darauf hin, dass es ja viele verschiedene Auslegungen des Islam gibt, und man „den Islam“ darum nicht kritisieren könne. Träfe das zu, dann könnte man auch nicht das Christentum für die Kreuzzüge verantwortlich machen, da diese ja nicht im gewaltfreien Interesse von Jesus gestanden haben können. Die materiellen Gegebenheiten widersprechen Nasirs Binsenweisheiten.
Kritik kann sich nicht an den Befindlichkeiten ihres Gegenstands orientieren. Hinter Ahmads Ruf nach Konstruktivität und Konkretion versteckt sich vielmehr das Bedürfnis nach einer kuscheligen Atmosphäre, in der sich alle in ihrer eigenen Beschränktheit wohlfühlen und vor allem ihre eigenen Glaubensgrundsätze nicht hinterfragen müssen. Und diesen Grundsätzen verschreibt sich der selbsternannte strenggläubige Muslim. Doch der Glaube an Dogmen macht einen nicht zum Experten, sondern verhüllt den Blick auf den Gegenstand. Genauso macht ein diffuses Gegen-Nazis-sein keinen zum Antifaschisten. Das behaupten die Parteien im Bundestag auch, und sind trotzdem kein Rat von Antifaschisten.

Wer vom Antifaschismus spricht, sollte vom islamischen Faschismus nicht schweigen!

[1] https://www.facebook.com/nasir.ahmad.aktivist/posts/751938775187778?__tn__=K-R
[2] https://www.berliner-zeitung.de/politik/spd-empoert-afd-politiker-posieren-mit-terror-werber-in-damaskus-29825564
[3] Volker Weiß, Die autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017, S. 16-22, sowie 221-227.
[4] https://www.graswurzel.net/gwr/2018/09/bjoern-hoeckes-faschistischer-fluss/
[5] http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/260333/graue-woelfe-die-groesste-rechtsextreme-organisation-in-deutschland
[6] https://www.tagesspiegel.de/berlin/ahmadiyya-muslime-verunglimpfen-homosexuelle/834784.html
[7] https://www.deutschlandfunk.de/necla-kelek-ueber-die-ahmadiyya-alles-andere-als-weltoffen.886.de.html?dram:article_id=394068


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